Samstag, 6. September 2008

tanzen

Tango hörend versuche ich mich an das überwältigende Gefühl zu erinnern, das vor einigen Tagen in einem großen leeren Saal von nahezu barock anmutender Üppigkeit, vermutlich eher Jugendstil, zuerst durch meine Ohren meiner sich bemächtigte.
Da war diese Musik, eine Mischung aus Orange und Rot, Schwarzblau und wieder Rot. Feuer, Sehnsucht, Temperament und etwas Schmerzhaftes, mit einem Gesang, der mich in meinem Innersten packte. Sie war ergreifend laut und erfüllte den Raum, durch den Menschen zielstrebig kreuzten, um die letzten Besorgungen für das bevorstehende Fest zu erledigen. Kein besonderes Licht erhellte das Parkett, sodass ich erneut zuerst hörend wahrnahm, dass getanzt wurde. Geräusche leichten Stoffraschelns und rhythmischer Schritte bahnten sich ihren Weg durch die Musik.
Erst jetzt sah ich drei konzentrierte Frauen, die sich zueinander in Beziehung setzten. Ihre Bewegungen waren von gespannter Eleganz und Sinnlichkeit. Androgyn verführerisch, zerbrechlich und zugleich herausfordernd entschlossen. Aufflackern. Ein Ausdruck von Zärtlichkeit im Halten und Getragenwerden wirkte äußerst fesselnd. Anfangs wollte auch ich den Saal zügig durchqueren, aber in seiner Mitte angelangt, vergaß ich mein Ziel. Ich konnte meine Augen nicht mehr von diesen dreien nehmen, die sich abwechselnd umwarben und zurückwiesen, noch einmal neu ansetzten, berührten, vertrauten, ihren Abstand haltend und aufgebend eine Geschichte erzählten. Die Lichttechnikerin im oberen Rang, die noch immer vergessen hatte die Beleuchtung einzuschalten, oder es nicht mehr wagte, schaute ebenso gebannt auf diese Szene wie der Tontechniker aus seiner hintersten Ecke, der wohl in diesen Minuten Pause hatte. Alle Umstehenden waren anscheinend in einen Dornröschenschlaf gefallen, ihre Gesichter auf die Tanzfläche gerichtet, den Atem angehalten, als lauschten sie einem Geheimnis oder beobachteten ein seltenes Naturschauspiel von der Dimension einer Sonnenfinsternis. Ergriffenheit, Staunen und… Lächeln.
Trotz der Lautstärke im Raum hatte diese Darstellung etwas traumhaft Leises, vielleicht weil viele der Bewegungen ins Dunkel des Saales entschwanden. Als die Scheinwerfer eingeschaltet wurden, fand man mich auf die Knie gesunken, mit Tränen in den Augen und führte mich hinaus.

Bewegung, Wiegen, Tanzen, nach dieser Musik so tanzen. Im Vorbeigehen darauf nicht vorbereit, erkannte ich das Naheliegendste. Und doch ist es manchmal das Unerreichbarste. Wie schmerzlich, die innere Starre nur beim Musizieren abstreifen zu können, wie lindernd, für Minuten wenigstens das zu können. Wie schön, wenn der Panzer von den Schultern platzt, brüchig geworden von der Berührung mit endlich mal wieder echter Kunst mit echtem Ausdruck, dem Schönsten an diesem Abend.

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