mittags, auf dem weg zum buchladen, bin ich beinahe gestürzt - über den schatten eines am himmel fliegenden vogels. zeit den blick wieder zu heben, oder mir das höhlengleichnis erklären zu lassen?
„Verlassen sind wir doch wie verirrte Kinder im Walde, wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von meinen Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen? Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.“
Franz Kafka in einem Brief an Oskar Pollak
kann dieses hier lächelnd und erwärmt zitieren mit dem Gedanken an einen Punkt des Erkennens.
eingeschlummert, aufgeschreckt, ein servus am apparat, irgendwie fröhlich. er sei gerade angekommen aus der stadt, in der es fast 20 grad wärmer ist als hier und die im moment einen fön hat. er hat mir etwas mitgebracht aus der schule, in der er zur zeit baut. der hausmeister hätte es ihm gegeben. es ist ein stück holz von einer flügelklappe, schon zerschlissen und abgegriffen, die klaviatur war auch noch da, aber so verdellt und kaputt, sonst wäre sie mitgekommen auf die reise, moment - er geht in die garage und sucht nach licht, öffnet seinen kofferraum, es hätte leider nicht ganz herein gepaßt, das teil, da hat der hausmeister ein stück abgesägt. die schrift ist noch ein wenig zu erkennen, er buchstabiert, am deutlichsten sei: in wien. da hat er an mich denken müssen und es mitgenommen, weil ich doch sooft daran denke. er hat meine grüße erhalten.
Tango hörend versuche ich mich an das überwältigende Gefühl zu erinnern, das vor einigen Tagen in einem großen leeren Saal von nahezu barock anmutender Üppigkeit, vermutlich eher Jugendstil, zuerst durch meine Ohren meiner sich bemächtigte.
Da war diese Musik, eine Mischung aus Orange und Rot, Schwarzblau und wieder Rot. Feuer, Sehnsucht, Temperament und etwas Schmerzhaftes, mit einem Gesang, der mich in meinem Innersten packte. Sie war ergreifend laut und erfüllte den Raum, durch den Menschen zielstrebig kreuzten, um die letzten Besorgungen für das bevorstehende Fest zu erledigen. Kein besonderes Licht erhellte das Parkett, sodass ich erneut zuerst hörend wahrnahm, dass getanzt wurde. Geräusche leichten Stoffraschelns und rhythmischer Schritte bahnten sich ihren Weg durch die Musik.
Erst jetzt sah ich drei konzentrierte Frauen, die sich zueinander in Beziehung setzten. Ihre Bewegungen waren von gespannter Eleganz und Sinnlichkeit. Androgyn verführerisch, zerbrechlich und zugleich herausfordernd entschlossen. Aufflackern. Ein Ausdruck von Zärtlichkeit im Halten und Getragenwerden wirkte äußerst fesselnd. Anfangs wollte auch ich den Saal zügig durchqueren, aber in seiner Mitte angelangt, vergaß ich mein Ziel. Ich konnte meine Augen nicht mehr von diesen dreien nehmen, die sich abwechselnd umwarben und zurückwiesen, noch einmal neu ansetzten, berührten, vertrauten, ihren Abstand haltend und aufgebend eine Geschichte erzählten. Die Lichttechnikerin im oberen Rang, die noch immer vergessen hatte die Beleuchtung einzuschalten, oder es nicht mehr wagte, schaute ebenso gebannt auf diese Szene wie der Tontechniker aus seiner hintersten Ecke, der wohl in diesen Minuten Pause hatte. Alle Umstehenden waren anscheinend in einen Dornröschenschlaf gefallen, ihre Gesichter auf die Tanzfläche gerichtet, den Atem angehalten, als lauschten sie einem Geheimnis oder beobachteten ein seltenes Naturschauspiel von der Dimension einer Sonnenfinsternis. Ergriffenheit, Staunen und… Lächeln.
Trotz der Lautstärke im Raum hatte diese Darstellung etwas traumhaft Leises, vielleicht weil viele der Bewegungen ins Dunkel des Saales entschwanden. Als die Scheinwerfer eingeschaltet wurden, fand man mich auf die Knie gesunken, mit Tränen in den Augen und führte mich hinaus.
Bewegung, Wiegen, Tanzen, nach dieser Musik so tanzen. Im Vorbeigehen darauf nicht vorbereit, erkannte ich das Naheliegendste. Und doch ist es manchmal das Unerreichbarste. Wie schmerzlich, die innere Starre nur beim Musizieren abstreifen zu können, wie lindernd, für Minuten wenigstens das zu können. Wie schön, wenn der Panzer von den Schultern platzt, brüchig geworden von der Berührung mit endlich mal wieder echter Kunst mit echtem Ausdruck, dem Schönsten an diesem Abend.