loslassen

Dienstag, 6. Oktober 2009

p.o.t.

hide what you have to hide
and
tell what you have to tell

es ist zwei jahre her und mir kommts noch so nah vor bzw. es kommt mir vor als wäre es nur ein jahr her

manchmal fühl ich mich wie ein riese für den die zeit viel langsamer vergeht als für die ameisenwelt der anderen

und nun ist meine professorin gestorben, die strenge gute faszinierende, die mich zum denken gebracht hat und zum arbeiten, die gesagt hat ich soll meinen weg gehen, auch wenn er speziell ist. so viel respekt hatte ich vor ihr und hab ich noch. nicht rumjammern, diszipliniert sein, weitermachen, den kopf anstrengen und die sprache. ihr "pathos der sachlichkeit" lese ich vielleicht danach. weitermachen, dann wird sie ja bei mir bleiben. ich hatte spaß an den wortspielen im protokoll und an den metaphern, das ernste kann so viel raum fürs spiel beinhalten.

Samstag, 28. Februar 2009

Geländer II

solange es noch Februar ist, werde ich zu meinem Geschreibse stehen

Geländer

Das Geländer ist deutlich zu sehen aus dem Wohnzimmerfenster meiner Mutter. Dieses kleine Treppengeländer mit den gelben Sprossen und dem sich bis nach unten schlängelnden schwarzen Gummigriff ist deutlich von hier zu erkennen. Es sind die gelben Sprossen aus Metall, die im Abstand der Größe eines 5jährigen Kinderkopfes die Treppen abwärtsführend das Geländer tragen. Der 5jährige Kinderkopf, gehörte mir, ich hatte ihn damals aus purer Langeweile oder aus übermütigem Schabernack à la: „guck mal was ich kann“ zwischen die Sprossen des Geländers gesteckt, während ich meiner Mutter, die mich gerade abholen wollte, von dort oben aus zusah, wie sie noch einen freundlichen Plausch auf dem Treppenabsatz mit den Kindergärtnerinnen hielt. Meine Ohren leisteten hartnäckigen Widerstand, als ich mich dem Zwischenraum der gelben Metallstäbe entwinden wollte. Ich heulte wohl und sie befreiten mich, wobei sie die sicher tröstend gemeinten und später noch oft gehörten Worte sagten: Bis du heiratest ist alles wieder gut. Ich heiratete nicht, aber das ist wohl kaum die Ursache dafür, dass vieles nicht wieder gut wurde!
Dieses Geländer also mit den gelben Metallsprossen, durch das ich damals meinen Kopf steckte und das sich noch immer im Inneren des Kindergartens befindet, ist jetzt deutlich zu sehen aus dem Wohnzimmerfenster meiner Mutter. Das Dach und einige Außenwände des Gebäudes bilden einen Schuttberg. Staubend, krachend und donnernd frisst sich die Zange des Abrissfahrzeugs durch das Treppenhaus und reißt große Betonwandbissen heraus. Splittern hallt zwischen den Häuserreihen, die ein großes Oval um diesen Ort bilden. Über der Eingangstür leuchtet noch wie vor 30 Jahren, jetzt deutlich zusammenhangloser, das rote und weiße Rautenmuster auf dem Blau der Fassade. Das auf die Fensterscheiben gemalte Märchen von der großen Rübe, die nicht aus der Erde wollte und nur mit Mann und Frau und Kind und Hund und Katz und Maus hinauszuziehen war, fiel schon vor Tagen in Scherben. Nun fehlen auch Schlafräume und Durchgang, sie liegen auf den Trümmern des Spielzimmers. Die Wände der Küche sind in den Waschraum mit den kleinen Toiletten gefaltet, als wären sie nicht schwerwiegender als unsere ersten Papierhäuser im Bastelzimmer. Ein Bauarbeiter mit Helm geht über die verwilderte Fläche des kleinen Innenhofes, auf den ich von hier aus noch nie einen Blick hatte. Im Sommer verwandelte sich diese geschützte Stelle in unser Badeparadies, weil die Kindergärtnerinnen und der Hausmeister dort die blauen Planschbecken für uns aufstellten, in denen wir nur mit Badeerlaubnis von zu Hause planschen durften.

Ich frage mich, ob der Mann mit dem Helm etwas bei dieser Arbeit empfindet an diesem trüben und zugigen Februartag.

Lange schon quietschten die Klappfenster nicht mehr, die auch noch Jahre nach meiner dort verbrachten Zeit die Mittagsruhe im Kindergarten einläuteten. Lange schon tobten und sangen keine kleinen Scharen von Vorschulkindern oder die Kinder der „vorjüngsten“ Gruppe durch das Wohngebiet meiner Mutter. Lange schon gab es weder Ermahnungen noch Lachen oder die fröhlichen: „Komm wir malen eine Sonne“- Feste.
Ab und zu pfiff ein Rentner seinen Hund von der Grünanlage. Viel spielte sich nicht mehr ab in den letzten Jahren vor ihrem Wohnzimmerfenster, bis auf die zwei Notarzteinsätze auf der großen Wiese vor den zehnstöckigen Wohnblocks. Manchmal trafen sich abends ein paar Jugendliche in den leeren Mauern des flachen Gebäudes und sprühten ihre Graffitis oder hörten Musik. Sollten sie doch, einen Jugendclub gab es ja nicht mehr in der Nähe und warum nicht den alten Kindergarten nutzen? Ich schließe das Fenster. Mir ist kalt. Ich will nicht mit ansehen, wie sie das kleine gelbe Treppengeländer herausreißen und auf den schon 3 Meter hohen Schuttberg werfen, darüber fahren, es verbiegen und zerbrechen.
Ich weiß, wenn ich hier wieder zu Besuch bin, wird dort ein Loch klaffen und es wird lange dauern, bis ich mich daran gewöhnen werde, dass dann die tausend Fensteraugen der Häuser dahinter gleichgültig oder verwundert in die leere Mitte unseres Wohngebietes starren. Ich weiß es, denn vor dem Fenster des Zimmers, das zur anderen Seite hinaus zeigt und das früher mein Kinderzimmer war, stand meine Schule, in die ich 10 Jahre lang ging. Wenn im Sommer die großen Bäume, die es noch gibt, mit ihren Blättern winken, bilde ich mir manchmal ein, ihre Silhouette und die blaue abgeblätterte Farbe dahinter zu erkennen, dann versuche ich mich zu erinnern und wie an einem Geländer in meine Kindheit zu klettern. Im Winter allerdings ist es trostlos.

Freitag, 20. Februar 2009

raus

Nun ist er raus, der Weisheitszahn. Vierzig Minuten haben sie mich festgehalten, geschnitten, gefräst, gesägt, gedrückt, gehebelt und gezogen - am Ende vernäht. Die Geräusche in meinem Schädel zerschnitten meine Gedanken, ließen mich zittern und trieben mir die Tränen über die Wangen. Meine Panik ließ in dem Moment nach, als die Schwester meinen Kopf in ihre warmen Hände nahm und ihn stützend hielt. Vielleicht ließ mich auch das erst in Tränen schwimmen.
Jetzt: heilen lassen

Dienstag, 3. Februar 2009

Geländer

Erstaunlich, was man so fürn Kitsch zusammen schreiben kann, wenn man sich betroffen fühlt.

nichts für ungut...

Montag, 27. Oktober 2008

Abschied

Als ich zum dritten Mal in diesem Raum ankam, abgehetzt, direkt vom Bahnhof, mit noch den selben Klamotten am Leib und dem schweren Rucksack mit meiner Geige, nach einer Unterbrechung von anderthalb Tagen, beschlug meine Brille sofort nach dem Eintreten. Der Ofen bullerte und das Laub vor der Tür hatte geraschelt. Sie saßen alle auf dem Boden und hielten ihre Terminkalender in den Händen, zwischen Tassen, Texten und Decken sitzend. Das Unsichtbarseinwollen gelang mir nicht. Sie unterbrachen ihr Suchen nach einem Wiedersehenstermin und begrüßten mich. Die meisten von ihnen sahen zufrieden und erschöpft aus.
Leise hockte ich mich auf die Stelle, auf der ich stand, mir war klar, daß ich nur noch zum Aufräumen rechtzeitig gekommen war, aber dazu hatte es immerhin gereicht. Ich wollte sie einfach alle noch einmal sehen, die Menschen, die ich nicht genug kennenlernen konnte bei diesem Seminar, in dem sie ihre Gedanken zu Abschied und Trauer miteinander geteilt hatten. Die Zeit, die ich mit ihnen verbracht hatte, war kurz und intensiv. Ein Versprechen, bei einem 60. Geburtstag in einer anderen Stadt für Fröhlichkeit zu sorgen, ließ mich vorzeitig die Gruppe verlassen, ungern und mit Bedauern, aber mit der Gewißheit, daß es die richtige Entscheidung und dieses Versprechen von Bedeutung war.
Ich nahm die Einsicht mit, daß es ein großes Tabu in unserer Kultur ist, über solche Dinge wie Tod, Trennung und innere Leere zu sprechen, daß Trauer ein Quell von großer Kreativität sein kann, daß es Phasen der Verzweiflung, Wut und des Anerkennens gibt, Flucht in Konstruktionen, die die Leerstelle auszufüllen versuchen, und daß sich oft Menschen, die um das Selbe trauern gar nicht unterstützen können, weil sie völlig verschiedene Strategien entwickeln, mit Verlust fertig zu werden, was den Grund zur Trauer oftmals noch erweitert. Aber, man kann sich Menschen suchen, mit denen es gelingt.

Am ersten Tag waren wir aufgefordert Dinge mitzubringen, die uns Kraft geben. Ich habe erfahren, wie gut es tut, endlich in einen freien Raum zu treten, sein Gepäck auszuwickeln – wenn auch nur ansatzweise oder in Portionen, Menschen zuzuhören, deren Thema ein ganz anderes ist, die Angst nachzufragen zu überwinden, die Furcht zu sprechen, weil es zuviel sein könnte, einmal zu ignorieren und bei all den Tränen der anderen und der eigenen zugeschnürten Kehle plötzlich zu lachen, weil es in der Erzählung der Person eine unerwartete Wendung gab, ein Geständnis, eine Unsicherheit, etwas allzu Bekanntes, etwas Widersprüchliches, etwas Lebendiges. Es gab kein Konkurrenzdenken, wer den schlimmeren Verlust erlebt hatte oder auf wen er sich beziehen muß, um Thema zu sein. Manche kamen mit einem diffusen Gefühl oder der Angst vor dem Verlust ihrer selbst, einer Trauer, um den Abschied beraubt worden zu sein, einem Schmerz und einer Ausgelaugtheit über einen schon lange anhaltenden nicht enden wollenden Abschied und seine Begleitung, einer kaum zu ertragenden Isolation, die mit Verlust einhergeht, einer Wunde, einer Lücke, die nicht heilen kann, weil sie nicht an den Rand zu rücken vermag, sondern immer wieder zentral ist, eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen kann, weil sie nicht zu wandern vermag, aus der Wunde in andere Bereiche.

Es gab auch Menschen, die gerade frisch verliebt waren und die sich anfangs gar nicht so recht am Platze fühlten. Sie waren noch da, als ich wieder kam. Interessant fand ich die Benmerkung, daß manche lieber etwas bauen, um Trauer zu verarbeiten, als darüber zu reden, es gibt so viele verschiedene Arten der Bewältigung. Unsere Kultur hat sich ein Schweigen auferlegt, daß nicht gesund macht, sondern einsam. Eigentlich wollte ich der Seminarleiterin noch einmal die Hand geben, mich bedanken und mich verabschieden. Als ich hinter den anderen kniete und meine beschlagene Brille in der Hand hielt, saß sie weit weg im Abseits auf einem Sofa, ihre Hände im Schoß haltend, eine große Ruhe ausstrahlend und lächelte mich an. Ich erwiderte ihr Lächeln etwas verlegen. Während ich mit den anderen aufräumte und mich mit einigen zu einem Kaffee verabredete, bemerkte ich ihr Fortgehen nicht. Aber den freundlichen Blick, dieses „Na, bist du noch einmal zurückgekommen, hast du es noch geschafft!“ werde ich nicht vergessen.

Sonntag, 21. September 2008

schweben

schweben

die fenster vor mir pulsieren ihr licht
in den noch nicht ganz dunklen himmel.

in meinem zimmer,
das sich langsam aus seinem haus löst
und zur seifenblase wird,
schwebe ich über die abendlichen dächer,

vorbei an den antennen einer anderen welt
und an den schornsteinen vergangener tage.

meine fenstergläser werden zu astronautenscheiben,
rund
und glatt
und sicher zu meinen füßen.

ich lege mich darauf und fast könnte ich noch die baumwipfel streicheln,
die,
auf der anderen seite des glases,
um haaresbreite meine raumkapsel greifen.
die lichter der straßenlaternen flackern mir ein adieu.

kein geräusch mehr,
nur der wind in meinem kopf.
über mir geht riesig und rund der mond auf
und nimmt mich in seine arme.

Montag, 15. September 2008

die freude

darüber fühlen, die aktualität der eigenen gedanken dahinschwinden zu lassen

Samstag, 13. September 2008

glückwünsche

... und dabei hätte ich ihr so gerne gratuliert, ihr dieses buch geschenkt, diese cd gebrannt, dieses eine foto vergrößert, ihr kastanien vorbeigebracht für die hände und für die seele. die kastanien hab ich trotzdem gesammelt und ihr vors haus gelegt an diesem tag, an dem sie ihr 30. jahr vollendet. so musste ich den ganzen tag schwer auf mich aufpassen und sitze jetzt vor diesem ding, damit ich nicht zu ihren hell erleuchteten fenstern hochschauen muß, draußen ein paar straßen weiter in der kälte. vor einem jahr und einem tag hängte sie ihr berühmtes danke in ihr fenster und mir ist augenblicklich alles aus der hand gefallen. ich wünschte, ich könnte auch jetzt endlich loslassen. warum dauern diese dinge bei mir so lange? vielleicht geht es mir wie diesem franklin, was der einmal erfaßt hatte, ließ er nicht mehr los. bei mir dauert auch das erfassen so lange. immerzu außen sein-ein widerliches gefühl, danach beginnt man sich selbst auszuschließen, um der erniedrigung zu entgehen.

tagsüber rauschte der wind in den pappeln so schön und unser großer stern wärmte meine verfrorenen schultern, jeden morgen finde ich neue knospen der winden auf meinem sprungbrett in den himmel, blau, weiß, ganz zart hellblau, man sieht es nur wenn schatten darauf fällt, daß sie eigentlich hellblau sind. sogar die sonnenblumen haben es nach dem sturz vor 6 wochen noch geschafft, neue knospen zu treiben, was für ein glück. vielleicht blühen sie in einer woche? dann könnte ich sagen: ich wünsche dir einen sonntag, der dieser blume ähnelt.

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